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“Late Talkers” – Ein Phänomen, drei Erklärungen

Posted on | November 14, 2006 | No Comments

Kinder im Alter von etwa 2,5 Jahren sind in der Lage, Objekte, die eine gleiche Form haben, gleich zu benennen. Dieser Effekt ist unter anderem dafür verantwortlich, dass Kinder ihren Wortschatz enorm schnell vergrößern können. Jetzt gibt es aber Kinder, die diese Aufgabe in diesem Alter nicht lösen können und somit einen Entwicklungsnachteil haben.

Diesen “Late Talkers” widmet Chris Chatham drei Posts. In jedem dieser Posts versucht er, das Phänomen und eine mögliche Therapie unter den theoretischen Voraussetzungen des Nativismus, Interaktionismus und Konnektionismus zu erläutern. Da es ihm gelungen ist, an diesem Exempel die Grundannahmen der Denkrichtungen zu erläutern, will ich die Posts kurz wiedergeben.

Nativistischer Ansatz

“Nativist accounts suggest that language acquisition is guided by mechanisms that are innately specified. [...] In either case, the assumption is that a bias to preferentially attend to shape features is somehow innate, and therefore largely determined by intrinsic biological properties as opposed to being developed through experience.”

Grundlage des Nativismus, dessen Theorien auf einem Kontinuum zwischen UG (Chomsky) über Language Instinct (Pinker, 1994) hin zu Unterscheidungen zwischen “Language in the narrow sense” und “Language in the broad sense” (Hauser, Chomsky & Fitch, 2002) bilden, ist die Annahme, dass das Gehirn über eine sprachspezifische Ausstattung verfügt. Deshalb – so folgert Chatham in seinem Post – ist der oben beschriebene Effekt genetischen Ursprungs, “Late Talkers” müssten deshalb einen Gendefekt haben, der entweder ein Wortlerngen oder ein Gen, das die Aufmerksamkeit auf Objekte steuert, betrifft. Egal, welcher Fall: Es sieht schlecht für die Kids aus – man kann nur schwer helfen.

Einige andere weniger extreme Nativisten, gehen von einer biologischen Grundlage aus, halten aber einen externen Trigger für nötig, um den Prozess anzustoßen. In einem solchen Fall könnte man davon ausgehen, dass bei Late Talkers dieser externe Trigger fehlte oder in nicht genügendem Maße vorhanden war, weil das Kind z.B. hörgeschädigt ist. Des Weiteren könnte es sein, dass das Kind in seiner Entwicklung hinterherhinkt. Auf jeden Fall hieße das: Das Kind weiter natürlicher Sprache aussetzen und – wenn nötig – mit einem Hörgerät versorgen.

Interaktionistischer Ansatz

“In contrast to nativist accounts, interactionists emphasize the importance of social cognition to language development, and suggest that humans learn language largely because they differ from non-human primates in their attunement to social cues like reaching, looking, and pointing (Tomasello et al., 2003).”

Der Lesekreis, dem ich letztes Semester angehörte, wird sich sicher an die Lektüre des Buchs Constructing a Language von Michael Tomasello (2005) erinnern. Der funktionalistische Ansatz, den er darin erläutert, geht nicht davon aus, dass es einen speziellen Hirnmechanismus für Sprache gibt. Vielmehr wird Sprache aus der Notwendigkeit zur Kommunikation gelernt. Die Kinder bedienen sich dabei sozial-kognitiver Strategien.

Daher könnte man – so zumindest Chatham -, sofern man diese Sichtweise folgt, das Phänomen der Late Talkers auf Defizite im Bereich fertigkeitsbezogener sozialer Kognition zurückführen. Die Intervention wäre dann Training der sozialen Kognition.

“A more specific prediction is motivated by interactionists that stress the importance of “intent” in children’s naming habits. Specifically, they claim that the use of the shape bias is conditional on the objects having similar intended purposes (Diesendruck, Markson, & Bloom, 2003), and thus, implicitly also dependent on children’s inferential abilities. This account would predict that late-talkers have inferential deficits.”

Diesem Ansatz folgend müsste die Intervention aus Training der intentionalen Cues liegen.

Konnektionistischer Ansatz

“As a framework, connectionism emphasizes the graded, domain-general, and input-sensitive nature of cognition (McClelland & Patterson, 2002). Connectionist simulations of language acquisition do not explicitly posit any innate mechanisms except those common to biological neural networks, nor do they ascribe any particular role to social interaction except simply providing linguistic input to the network. Nonetheless, such simulations accurately model a variety of detailed linguistic phenomena.”

Individuelle Unterschiede beim Lernen können, wenn man den Annahmen des Konnektionismus folgt, auf Unterschiede in der Lernrate und Unterschiede in den frühen Lernstadien zurückgeführt werden.

“However, connectionism does suggest a few unique predictions for the absence of a shape bias among late-talkers. For example, attentional-learning accounts of word acquisition suggest that the associative links between names and perceptual features may become weighted with experience. Object features that more reliably correlate with naming patterns (such as shape for solid objects) ultimately become more salient with experience.”

Späte Lerner haben vielleicht zu viele Wörter gelernt, deren Objekte nicht auf Basis der Form auseinandergehalten werden können. Dafür sind andere Wortarten unterrepräsentiert, wie z.B. Wörter, deren Formen eine gute Basis zur Unterscheidung darstellen. Im Training der unterrepräsentierten Wörter könnte daher die Intervention bestehen.

Makrostruktur und Mikrostruktur

Im 4. Kapitel seines Buches “Word and Rules” spricht Pinker (1999) von einer Schlacht, deren Kombattanten auf der einen Seite die Rationalisten und auf der anderen Seite die Empiristen seien. Er sieht sich als Streiter der ersten Partei, während die Konnektionisten für die zweite Partei ins Feld ziehen. Diese Frontstellung – von beiden Seiten gehegt und gepflegt – ist meiner Ansicht nach nicht haltbar. Während Pinker sich der Kognition auf makrostruktureller Ebene – Umgang mit Symbolen – nährt, ist der Konnektionismus vor allem mit der Mikrostruktur beschäftigt: Informationsverarbeitung in neuronalen Netzen. Interessant finde ich die Ebene die zwischen beiden Ebenen liegt.

Links

Post über die nativistische Sichtweise
Post über die interaktionistische Sichtweise
Post über die konnektionistische Sichtweise

Quellen

Diesendruck, G., Markson, L. & Bloom, P. (2003). Children’s reliance on creator’s intent in extending names for artifacts. Psychol Sci. 2003 Mar;14(2):164-168.
Hauser, M.D., Chomsky, N. & Fitch, W.T. (2002). The Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve? Science, 298, 1569-1579.
McClelland, J.L. & Patterson, K. (2002). Rules or Connections in Past-Tense inflections: What does the evidence rule out? Trends in Cognitive Sciences. 6:11, pp 465-472.
Pinker, S. (1994). The Language Instinct. New York: HarperCollins; London: Penguin.
Pinker, S. (1999). Words and Rules: The Ingredients of Language. New York: HarperCollins. London: Weidenfeld &
Nicolson.
Tomasello, M. (2005). Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquisition. Harvard: HUP.
Tomasello, M., Call. J. & Hare, B. (2003). Chimpanzees understand psychological states – the question is which ones and to what extent.

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